DIALEKT UND FOLKLORE

DIALEKT UND FOLKLORE

Infolge der Ermangelung einer einheitlichen Landessprache, die nicht vor Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts – und nicht ohne Mühe – entstanden und erst an der Schwelle zur Gegenwart (Fünfziger Jahre) vollständig in den Sprachgebrauch der Italiener eingegangen war, war auch die Entwicklung des Liedguts stark von dialektalen Elementen beeinflusst - Konsequenz der zahlreichen volkstümlichen Repertoires, die sich im Laufe der Jahrhunderte auf dem Stiefel etabliert hatten. Die große Anzahl der auf der italienischen Halbinsel gesprochenen Dialekte zeugte von einer extremen sprachlichen und kulturellen Fragmentierung des Landes. Aus diesem Grunde konnte man in Italien – im Gegensatz zu anderen Nationen - nicht von einer Volkstradition sprechen, sondern bestenfalls von einer Reihe von Traditionen, die Verbindungen sowohl untereinander als auch zu außerhalb der Landesgrenzen beheimateten Brauchtümern aufwiesen. Zwischen dem mediterranen Süden und dem europäisch geprägten Norden Italiens tat sich eine abgrundtiefe Kluft auf, und so wies beispielsweise die piemontesische Ballade eine größere Affinität zur anglo-schottischen als zur sizilianischen Folkloretradition auf. Villotte aus dem Friaul, Wiegenlieder aus Venetien, Stornelli aus der Toskana und Klagegesänge aus Süditalien inspirierten Berufsmusiker und -autoren dazu, ein differenziertes, an die Zuhörer der einzelnen Territorien gerichtetes Repertoire mundartlicher Gesänge zu verfassen, und so ein seit Jahrhunderten überliefertes Liedgut an die formalen und inhaltlichen Postulate der neu aufkommenden Massenkultur anzupassen. Während der zwanzigjährigen faschistischen Diktatur erfuhr dieser Prozess eine Beschleunigung: Dies war Folge der Kulturpolitik eines Regimes, das das Landleben und die mundartliche Sprache idealisierte, dabei aber letztendlich nur eine großangelegte Kampagne zur „Nationalisierung” der Folklore anstrebte, welche, im Namen einer einheitlichen „italienischen Wesensart“, sämtliche sprachlichen und kulturellen Unterschiede nivellieren sollte. Die Gesänge zur Verherrlichung nationalistischen Gedankenguts bildeten somit eine unmittelbare Reaktion auf den kosmopolitischen französischen Lebensstil, der in den Revuetheatern propagiert wurde. Auch dank des Theaters, das auf eine lange dialektale Tradition zurückblicken konnte, sowie des Kinos, mittels dessen zahlreiche Mundarten landesweit bekannt und beliebt wurden, etablierten sich der römische, der florentinische, der lombardische, der venezianische, der sizilianische sowie der genuesische Dialekt (das neapolitanische Idiom bildet ein eigenes Kapitel). Ab Ende des Zweiten Weltkriegs sollte der Mundartgesang eine von der landessprachlichen Musik unabhängige Entwicklung erfahren und seinen eigenen Markt, sein eigenes Publikum sowie sein eigenes Podium erobern.
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