POLITIK UND PROPAGANDA

POLITIK UND PROPAGANDA

Bevor die eigentliche italienische Kanzone das Licht der Welt erblickte, bildete – neben der patriotischen Hymne - der sozialkritische Gesang das einzige Repertoire für diejenigen Bevölkerungsschichten Italiens, die eine Veränderung der bestehenden Gesellschaft anstrebten. Ein erstes derartiges Liedgut entstand zu Beginn des Neunzehnten Jahrhunderts in der Po-Ebene, wo, im Zuge der einsetzenden Konzentration des Landbesitzes, der Strukturwandel des ruralen Lebensraums seinen Anfang nahm. Seine Ursprünge lassen sich auf verschiedene Traditionen und Gattungen zurückführen: Die Verse der Seidenspinnerinnen und Reisbäuerinnen entstammten dem ländlichen Kontext, der (partei)politische Gesang basierte auf der im Bürgertum verbreiteten Hymnenkultur, während das Arbeiterlied erstmals im Umfeld städtischer Handwerkerkreise zu hören war. Ein hegemonisch strukturierter kultureller Hintergrund, folkloristische Ausdrucksformen und volkstümliche Traditionen verschmolzen zu einer neuen und hybriden Musikproduktion, welche Elemente ländlicher (Couplet, Strambotto), städtisch-handwerklicher, bürgerlicher (Hymne, Melodram, Operette, Schlager), sozialistischer und militärischer (Marsch) Herkunft sowie Bänkelsänge und Songs gesellschaftlicher Randgruppen in sich vereinte. Aus dieser Renaissance der Volkstraditionen erwuchs die erste experimentelle Plattform der italienischen Musik und nach 1880, als sie im Zuge der Gründung der ersten Arbeiterparteien neue Aktualität gewannen, entstand das Genre des Protestsongs. Seidenspinnerinnen, Bergleute, Hilfsarbeiterinnen auf den Reisfeldern, Emigranten, Arbeiter und Tagelöhner sangen Protestsongs unterschiedlicher ideologischer Orientierung: Es existierten garibaldianisch, republikanisch, anarchistisch, sozialistisch, kommunistisch und internationalistisch ausgerichtete Stücke, die durch die Darbietungen von Kapellen und Gesangsvereinen sowie mittels sozialkritischer Songbücher, Postkarten mit Textauszügen, Flugblättern, Textsammlungen, Zeitungen - und schließlich Schallplatten - Verbreitung fanden. Unter der zwanzigjährigen faschistischen Diktatur wechselte das sozial engagierte Liedgut die politische Farbe und diente dem Regime als Mittel zur systematischen und kontinuierlichen Machtdemonstration. Der Gesang beflügelte die Propaganda, die sich sowohl traditioneller Märsche und Hymnen als auch simplerer Schlagermelodien bediente, und so zu Zeiten der diversen Kolonialkonflikte sowie im Zweiten Weltkrieg erhebliche Publikumserfolge verbuchen konnte.
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